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Ein anderes Brauchtum von Egerkingen

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In vielen Dörfern ist ab dem 1. Mai wieder eine hohe, bis auf den Wipfel abgeastete und geschmückte Tanne auf dem Dorfplatz auszumachen. Ein alter Brauch, der bis heute in den Dörfern immer noch am Leben ist.
In vorchristlicher Zeit war der immergrüne Tannenbaum ein Symbol des Lebens. Wer einen Maibaum in seinen Garten gestellt bekam, dem war ein langes und glückliches Leben vorausbestimmt. Ähnliches bedeutet auch das Bäumchen-Stellen auf einem neu aufgerichteten Haus.
In unseren Breitengraden war der Grund ein Maitannli zu stellen, die Verehrung für ein junges Mädchen. Wer also ein Auge auf ein Mädchen geworfen hatte, versuchte seine Werbung durch das Aufstellen eines Maibaumes vor ihrem Haus zu bekräftigen. Kein Verlobter unterliess es, seiner Braut diese Ehre zu erweisen. Im Bucheggberg war diese ältere Form des Maibaumstellens noch lange Zeit Tradition. Später kam es dann dazu, dass die ledigen Burschen des stellungspflichtigen Jahrgangs allen Jahrgangs-Mädchen ein Maitännchen in den Garten stellten. Heute wird in den meisten Gemeinden eine möglichst hohe Maitanne auf den Dorfplatz gestellt und die Namen aller Jahrgangs-Mädchen darauf angebracht.


Stäcklibuebe


Warum aber nennt man die stellungspflichtigen jungen Männer «Stäcklibuebe»? Eine einfache Erklärung: Nach dem Franzoseneinfall 1798 forderte Napoleon stets 18 000 junge Schweizer unter seine Waffen. Entstandene Lücken mussten sofort wieder aufgefüllt werden. Wen wundert’s, dass sich kaum Freiwillige als «Kanonenfutter» anwerben liessen? Am Werbetag mussten alle ledigen Männer zwischen 20 und 45 Jahren auf dem Dorfplatz erscheinen. Das Los wurde durch «Stäckli zieh» entschieden. Wer den «Kürzeren zog», musste mit Napoleon ziehen.
Die Stellungspflichten wurden damit zu den «Stäcklibueben» und ihr trauriges Los feierten sie entsprechend ausgelassen. Mit dem Maibaumstellen der Stäcklibuebe, respektive der heute stellungspflichtigen 19-Jährigen verbinden sich also zwei unterschiedliche Bräuche in einer Nacht.
Stäcklibuebe stellen nicht nur den Maibaum auf, sie sorgen auch mit mehr oder weniger lustigen Aktionen für Spass oder Kopfschütteln bei der Dorf-Bevölkerung. Am meisten gibt das «Verschleipfen» von Gegenständen der Bewohner zu reden. Wer nicht Opfer der «Stäcklibueben» werden will, ist also gut beraten, in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai möglichst alles, was tragbar rund ums Haus steht, wegzuräumen. Ansonsten kann er am Morgen des 1. Mai auf den Dorfplätzen beim Maibaum die «Beute» der Stäcklibuebe begutachten und sein Stück dort wieder abholen. Mancher «Gerümpel» liegt einen ganzen Monat lang dort, denn einige Bewohner denken sich wohl, dies sei eine gute Gelegenheit, Unbrauchbares zu entsorgen.


Gib was, sonst...


Es gibt auch Jahrgänger, die in dieser Hinsicht besonders clever sind. Sie gehen zwei, drei Wochen vor der 1. Mainacht von Tür zu Tür und verkaufen «Aufkleber», die den Bewohnern dann garantieren, dass von Ihrem Haus nichts verschleppt wird. So macht man sich keine schweisstreibende Arbeit und erst noch Kasse. Eingeschlichen hat sich auch die Gepflogenheit, dass etwas «Trinkbares» vor die Tür gestellt werden kann, dann werde nichts «verschleipft». Aber nicht bloss eine Flasche Mineralwasser…! Es gibt auch Dörfer, in denen der Stäcklibuebe-Brauch je nach Jahrgang zu einem eigentlichen Dorffest wird. Da werden am 30. April Festbänke für die ganze Bevölkerung eingerichtet, es wird Ess- und Trinkbares mit Musik geboten und natürlich auf ein schönes Trinkgeld gehofft. Bei solchen Veranstaltungen spenden die Gemeinden gerne einen Obolus. Es ist auch schon vorgekommen, dass die Jungs eines Jahrganges nicht in der Lage waren, einen Maibaum zu stellen. Da mussten dann die Jahrgangs-Mädchen die Sache in die Hand nehmen und den Brauch mithilfe ihrer Väter und Brüder durchziehen – zur Schmach der eigenen Jahrgangs-Buben.
Immer wieder kommt es aber auch vor, dass die Jugend «verfeindeter» Dörfer sich gegenseitig das Maitannli umhauen. Da muss dann die ganze 1. Mainacht hindurch eine Wache davor gestellt werden. Leider kommt es in dieser Nacht auch zu Schmierereien auf Strassen oder an Schaufenstern. Da wurde dann der 1. Mai-Brauch gehörig missverstanden, oder der Alkohol tat seine verhängnisvolle Wirkung. Die Polizei mahnt die Stellungspflichtigen jährlich, solchen Unfug zu unterlassen, entsprechen ist sie in dieser Nacht vermehrt mit Patrouillen unterwegs.


Quelle: Elisabeth Pfluger, Volkskundlerin


 

In Egerkingen wird, wie in einigen anderen Gemeinden der Region auch, der Brauch der „Stäcklibuebe“ gepflegt. Ein kleiner Unterschied besteht zu den anderen Orten, in unserer Gemeinde sind zwei Jahrgänge unterwegs. Die älteren „Stäcklibuebe“  sind die Knaben des Jahrganges, welche in dem Jahr die Aushebung zum Militärdienst hatten also die neunzehn jährigen, und die andern „Stäcklibuebe“ sind die ein Jahr jüngeren Burschen somit die achtzehn jährigen

Die älteren Burschen stellen am 30. April einen Maibaum auf dem Areal der Gemeindeverwaltung wo für sie ab dem Jahre 2011 ein spezieller Ort geschaffen wurde, früher war dieser Platz bei der Kath. Kirche. Dies ist meist eine lange Tanne die sie von der Bürgergemeinde Egerkingen geschenkt bekommen, welche bis auf die oberen Spitze abgeschält ist und am Nachmittag des 30. April ins Dorf runter transportiert wird (mit Traktor und Wagen). Die grüne Spitze des Baumes wird schön geschmückt. Am Stamm werden die Namensschilder mit allen Mädchennamen des gleichen Jahrganges angebracht, als Zeichen der Ehrerbietung den jungen Frauen gegenüber. Diese sind nun verpflichtet, zum Dank die Burschen einzuladen oder ihnen ein Fest zu organisieren.

In der Nacht auf den ersten Mai ziehen die jüngeren „Stäcklibuebe“  durchs Dorf und sammeln alles ein, was nicht niet- und nagelfest ist, um es auf das Areal der Gemeindeverwaltung auszustellen. Die Leute, welche ihre Sachen nicht oder zu wenig gut in Sicherheit gebracht hatten, sieht man dann am Morgen ihre Gartenmöbel, Rasenmäher oder was sonst noch mitzunehmen war, nach Hause tragen. Seit einiger Zeit versuchen die “Stäcklibuebe” durch Verkauf von Jahrganskleber Geld in ihre Kassen zu bekommen, als Gegenleistung garantieren sie den Einwohner von Egerkingen dass nichts geklaut wird.

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1. Mai 2009 (21)